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SchoolMatters




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28. September 2021

06 Diversität und Eingebundenheit

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6.4 LGBT+: sexuelle, romantische und geschlechtliche Vielfalt

Ein grosses Dankeschön an Raphaël Guillet von du-bist-du für die Mitarbeit in diesem Kapitel.

«LGBT» steht für „lesbisch, gay, bisexuell und transgender“. Die Begriffe „lesbisch“, „gay“ und „bisexuell“ bezie-hen sich auf die sexuelle Orientierung und beschreiben eine Anziehung zu Menschen des gleichen Geschlechts (Homosexualität, z.B. lesbisch, gay, schwul) oder zu Menschen von mehr als einem Geschlecht (Bisexualität). Der Begriff „transgender“ bezieht sich auf die Geschlechtsidentität. Trans oder transgender Personen haben eine Ge-schlechtsidentität, die nicht oder nicht ganz mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
Das „+“ von „LGBT+“ signalisiert, dass es noch weitere Identitäten im Bereich sexuelle, romantische und ge-schlechtliche Vielfalt gibt (z.B. queer, pansexuell, non-binär, etc.).

Glossar

Asexuell
Ein Begriff der Menschen beschreibt, die keine sexuelle Anziehung erleben.

Bisexuell
Ein Begriff, der Menschen beschreibt, die sich von mehr als einem Geschlecht (biologisch oder gesellschaftlich) angezogen fühlen. Abzugrenzen vom Begriff „pansexuell“, der die Anziehung unabhängig vom Geschlecht mit einbezieht.

Cis-heterosexuell
Wird in diesem Bericht verwendet, um Personen zu bezeichnen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt (d.h. Personen, die keine Angehörige einer geschlechtlichen Minderheit sind) und die sich zu Angehörigen eines anderen Geschlechts angezogen fühlen.

Cis männlich
Eine Person, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich als Mann identifiziert und als solcher lebt.

Cis weiblich
Eine Person, der bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich als Frau identifiziert und als solche lebt.

Heterosexuell
Ein Begriff, um eine Person zu beschreiben, die eine emotionale, romantische und/oder sexuelle Orientierung zu jemandem mit einem anderen Geschlecht hat.

Homosexuell
Ein Begriff, um eine Person zu beschreiben, die eine emotionale, romantische und/oder sexuelle Orientierung zu jemandem mit dem gleichen Geschlecht hat.

Intergeschlechtlich
Ein Überbegriff für Menschen mit Geschlechtsmerkmalen (Hormone, Chromosomen und externe/interne Fortpflanzungsorgane), die sich von den typisch erwarteten männlichen oder weiblichen Charakteristiken unterscheiden.

LGBTIQ+
Eine Abkürzung, die sich auf alle Personen bezieht, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, trans, intergeschlechtlich, queer, oder Angehörige irgendeiner anderen sexuellen oder geschlechtlichen Minderheit identifizieren.

Non-binär
Ein Überbegriff, um Geschlechtsidentitäten zu beschreiben, bei denen Personen sich nicht ausschliesslich als Mann oder Frau identifizieren. Dieser Überbegriff schliesst viele Kategorien ein, zum Beispiel Personen, die sich als agender, genderqueer und gender fluid identifizieren.

Pansexuell
Anziehung zu Personen unabhängig vom Geschlecht/ Geschlechtsidentität der Person.

Queer
Ein Begriff, der meist von Personen benutzt wird, welche sich als nicht cis-heterosexuell identifizieren.

Trans
Ein Begriff der Personen beschreibt, die eine Geschlechtsidentität haben, die anders ist als die ihnen bei der Geburt zugewiesene. Non-binäre Menschen können sich als trans Personen identifizieren oder nicht.

Den genauen Anteil von Menschen einzuschätzen, die LGBT+ zugehören, ist schwierig. Sozialwissenschaft-ler:innen schätzen, dass höchstens die Hälfte «offen» damit lebt und Familie, Freundeskreis, Kollegium oder Nachbarschaft informiert. Die andere Hälfte verschweigt ihre sexuelle Orientierung oder Transidentität – aus Scham oder Furcht vor Anfeindungen und Ausgrenzung. Besonders in Regionen, in denen traditionelle Ge-schlechterrollen und konservative Einstellungen zu sexueller du geschlechtlicher Vielfalt vorherrschen, fühlt sich die Mehrheit der LGBT+-Personen gezwungen, eine Tarnkappe zu tragen und damit ein schwieriges Doppelleben zu führen. Die meisten LGBT+ Menschen leben weder „komplett in“ noch „komplett out“. Sie outen sich in bestimmten Lebensbereichen oder bei bestimmten Menschen, und bei anderen nicht. Die Aufteilung zwischen «in the closet» und «out of the closet» wird von vielen LGBT+-Menschen als unpassend wahrgenommen [1].

Die Befürchtungen dieser Menschen sind nicht unbegründet: Die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Delinquenz und Kriminalprävention (IDK) der ZHAW [2] zeigen, dass zwischen 10,3 und 29,9 Prozent der befragten Personen homophoben Einstellungen zustimmen; insbesondere gleichgeschlechtliche Ehen werden von den Befragten abgelehnt. Dabei weisen männliche Befragte, Jugendliche mit Migrationshintergrund und religiöse Menschen (unabhängig von der konkreten Religionszugehörigkeit) signifikant stärker ausgeprägte Vorurteile gegenüber Homosexuellen auf. Wer glaubt, dass Homophobie ein Phänomen der älteren Generation sei, täuscht sich: 14,3 Prozent der in einer Schweizer Umfrage befragten Jugendlichen äusserten die Ansicht, Homosexualität sei unmoralisch. Die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren lehnten 29,9 Prozent ab und 23,3 Prozent bezeichneten es als ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen. Auch unter den Jugendlichen neigen Männer eher zu homophoben Einstellungen: Ihre Werte waren doppelt so hoch wie bei den weiblichen Jugendlichen [3].

Die sexuelle Orientierung spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung und der Identitätsbildung der Jugendlichen. Manchmal steht sie zwar bereits bei den Jüngeren fest, festigt sich aber häufig erst in der Adoleszenz [4]. In der Schweiz definieren sich 97,4 Prozent der 16- bis 25-jährigen Männer bzw. 97,2 Prozent der gleichaltrigen Frauen als heterosexuell, rund 1,8 Prozent bzw. weniger als 1 Prozent als homosexuell und unter 1 Prozent bzw. 2,1 Prozent als bisexuell [5]. Bei den 24- bis 26-Jährigen gaben 2017 rund 90 Prozent an, sich ausschliesslich oder sehr stark vom anderen Geschlecht angezogen zu fühlen, etwa 3 Prozent fühlten sich von Personen des gleichen Geschlechts angezogen [6]. Trans-Kinder und -Jugendliche kommen ausserdem viel häufiger vor als früher angenommen [7]. Studien schätzen die Prävalenz bei Kindern bzw. Jugendlichen zwischen 0,17 bis 1,3 Prozent und zwischen 0.5 und 3 Prozent bei der gesamten Bevölkerung [8].

Verbundenheit und Resilienz
Gefühle der Zugehörigkeit stärken stets die Resilienz. So werden LGBT+-Schüler:innen, die aus unterstützenden Familien kommen, mit grosser Wahrscheinlichkeit weniger psychische Probleme innerhalb und ausserhalb der Schule haben als diejenigen, die keine familiäre Unterstützung erfahren. Das gleiche gilt für die Schulgemeinschaft: Die Einstellungen und Verhaltensweisen aller Beteiligten der Schule und des schulischen Umfelds können die Resilienz der LGBT+-Schüler:innen stärken oder aber deutlich schwächen. Die Schule ist oft ein Ort, an dem Heteronormativität und Cisnormativität herrschen.

Heteronormativität = Einstellung, nach welcher Heterosexualität die Norm ist und alle anderen sexuellen Orientierungen unsichtbar gemacht oder als Randphänomene präsentiert werden.

Cisnormativität = Einstellung, nach welcher cisgender Identitäten und Zweigeschlechtlichkeit die Norm ist und alle anderen Geschlechtsidentitäten (trans, non-binär...) unsichtbar gemacht werden oder als Randphänomene betrachtet werden.

Heteronormativität und Cisnormativität in Schweizer Schulen wurden gut dokumentiert und sie tragen dazu bei, dass LGBT+ Schüler:innen sich unsicher in der Schule fühlen, Gewalterfahrungen machen. Sie getrauen sich nicht, bei Erwachsenen in der Schule Hilfe zu holen und darüber zu sprechen. [9, 10, 11]

Die Bedürfnisse, die Verwundbarkeit und die Herausforderungen von LGBT+-Kindern und -Jugendlichen sind mittlerweile gut bekannt. Sie sind durch implizite oder explizite Botschaften der Zurückweisung leicht angreifbar. Nicht die sexuelle Orientierung, die Geschlechtsidentität oder das nichtkonforme Verhalten führen dazu, dass Kinder und Jugendliche psychisch und sozial leiden, sondern die negativen Erfahrungen, die mit Diskriminierung, Unsichtbarmachung und Schikanierung durch andere einhergehen. Die Schule als Institution und Lehrpersonen wie auch andere Beziehungspersonen können diese Form von Gewalt vermeiden, indem sie LGBT+-Schüler:innen das Gefühl der Eingebundenheit vermitteln und konkret im Alltag sensibel agieren, z.B. bei Gruppeneinteilungen, einer sensiblen Sprache oder einem wertschätzenden, inklusiven Umgang.

Ressourcen für Schulen/Lehrpersonen

  1. «Trans Schüler_innen – Best-Practice-Leitfaden für eine Transition in Schule und Ausbildung» von der Organisation Transgender Network Switzerland (TGNS): PDF hier.
  2. www.eduqueer.ch – auf dieser Website wird auf bestehende Lehrmittel, Ideen für den Unterricht sowie Fachliteratur verwiesen, die die Organisation zur Thematisierung als sinnvoll erachtet.
  3. www.feel-ok.ch - Instrumente und Ressourcen für den Unterricht
  4. Schulprojekte: www.abq.ch, www.gll.ch und Comout (www.ahsga.ch/comout)
  5. Diverse Ressourcen für Schulen:
    - www.regenbogenfamilien.ch/material/
    - https://de.inter-action-suisse.ch/ressources

Mobbing und Belästigung
Schikanen, Beleidigungen und Gewalt gegen LGBT+-Kinder und -Jugendliche sind üblich. Je stärker Kinder und Jugendliche nicht den Normen des zugewiesenen Geschlechts entsprechen, umso wahrscheinlicher ist es, dass sie Gewalt, Cybermobbing und Missbrauch in der Schule erfahren. Eine nationale kanadische Studie zeigt eine Rate von 68,2 Prozent verbaler Belästigungen von 12- bis 18-jährigen Trans-Jugendlichen [12]. Suizidgedanken und tatsächliche Suizidversuche, psychisches Leiden, Depressionen und schulischer Misserfolg können die Folge sein. Eine Studie aus England, Schottland und Wales [13] hat gezeigt, dass 40 Prozent der LGBT+-Jugendlichen, die homophobes Mobbing erlitten, über Suizid nachgedacht hatten. Die Früherkennung und Unterstützung auf mehreren Ebenen ist wichtig, um psychische Schwierigkeiten und Suizidversuche zu reduzieren (vgl. hierzu auch das MindMatters-Unterrichtsmodul «Mobbing? Nicht in unserer Schule!» und Kapitel 7 «Mobbing»).

Die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung oder Transgender-Identität hat eine lange Tradition. In Deutschland gab es beispielsweise von 1870/71 bis 1990 einen Paragrafen, der «widernatürliche Unzucht» zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellte, wenn «beischlafähnliche Handlungen» nachgewiesen werden konnten [14]. Darüber hinaus wurde Homosexualität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts offiziell als psychische Krankheit eingestuft, was zu einer Reihe von (teilweise gerichtlich angeordneten) Therapieversuchen führte. Diese Therapien hatten für die Patienten nicht selten einen grausamen Verlauf und umfassten neben Kastrationen und hirnchirurgischen Eingriffen sowohl hormonelle Behandlungen als auch Behandlungen mit Elektroschocks.

Erst im Jahr 1973 wurde Homosexualität – auch vor dem Hintergrund eines sich verändernden gesellschaftlichen und politischen Klimas – als Diagnose einer psychischen Krankheit aus dem DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), dem amerikanischen Handbuch zur Diagnose von psychischen Erkrankungen, gestrichen; und vier Jahre später strich auch die WHO Homosexualität als Erkrankung aus der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) [15]. Doch trotz gesetzlicher Veränderungen und einer sich wandelnden Gesellschaft dauert die Diskriminierung homosexueller Menschen bis heute an.

In der vom Niedersächsischen Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales durchgeführten Studie zur Lebenssituation schwuler Jugendlicher berichten 67 Prozent der Befragten über negative Erlebnisse in Folge ihres Coming-outs [16]. Die Belästigungen reichen von verbalen Attacken (38%) über Ausgrenzung (39%) und körperliche Gewalttätigkeiten (7%) bis hin zu sexuellen Übergriffen (5%). Ein ähnliches Ergebnis beschreibt die Studie des Jugendnetzwerks Lambda Berlin. Ein 15-jähriger Hauptschüler aus Berlin berichtet beispielsweise [17]:

«Weil ich schon immer eine andere Ader hatte als alle anderen, wurde ich schnell als schwul bezeichnet. Früher war das für mich ziemlich schlimm, denn ich fühlte da noch nicht so, doch ich habe mich trotzdem für mich nicht geschämt. Vielen anderen Jungen und Mädchen ist das unangenehm, doch seitdem ich so fühle, dass ich schwul bin und einzelne Freunde es von mir wissen, fühle ich mich stärker. Ich wurde schon von der Grundschule diskriminiert und ausgestossen, von Lehrern und Schülern, es hatte mir schon richtig zu schaffen gemacht, da mich niemand verstand, deshalb wollte ich mich selbst umbringen, ich weiss, dass das dumm war, doch ich glaubte, ich sei bestimmt dazu, Aussenseiter zu sein. 3 Jahre hatte ich dieses Spiel durchgemacht, keiner hörte auf, es wurden bloss mehr Leute, die gegen mich auf einmal waren, darunter auch Freunde von mir. Ich wurde im Sportunterricht gehänselt, bedroht und sexuell berührt. Ich wurde aber nie vergewaltigt, das meine ich nicht damit. Doch dann habe ich angefangen, Schule und Sportunterricht zu schwänzen, ich wurde schlechter in der Schule und habe einen Schulverweis bekommen, und alles nur, weil viele, sorry wenn ich das jetzt sagen muss, Arschlöcher nichts Besseres zu tun hatten, als mich zu diskriminieren.»

Jugendliche, denen so etwas passiert, brauchen Verständnis, Solidarität und Unterstützung. Die anhaltend hohe Selbstmordrate unter schwulen und lesbischen Jugendlichen ist ein alarmierender Grund, ihre Unterstützung durch Beratung und gegebenenfalls Betreuung zu sichern (vgl. auch Kapitel 8 zur Suizidalität).

Die Unterstützung durch die Schule und die Familie spielt eine entscheidende Rolle. Im schulischen Kontext können die Prävention und eine achtsame Reaktion der Fachpersonen auf Homo- und Transphobie ein deutliches Zeichen der Unterstützung sein. Um die Tabus zu brechen, tragen Projekte zur Förderung von Gesundheit und Vielfalt dazu bei, das Schweigen zu brechen, ebenso wie die Integration dieser Themen in die Bildungspraxis und den Unterricht. Ziel ist es, die Ausrichtungen der Prävention, Intervention und Förderung zu artikulieren [18].

Die Begleitung von LGBT+-Schüler:innen durch geschultes Personal ist unerlässlich. Speziell für trans- und nicht-binäre Schüler:innen geht es darum, eine trans-affirmative Haltung zu verkörpern [19].

1   Hässler, & Eisner (2020)
2   Baier & Kamenowski (2020)
3   Gerny (2020)
4   Papalia, Olds & Felman (2010)
5   BFS (2020b)
6   Barrense-Dias et al. (2018)
7   Transgender Network Switzerland TGN (2019)
8   Transgender Network Switzerland TGN (o.J.)
9   Ris et al. (2017)
10   Hofmann, Lüthi, Kappeler (2019)
11   Kappler & Düring (2021)
12   Transgender Network Switzerland TGN (2019)
13   Statham, Jadva & Daly (2012)
14   Jugendnetzwerk Lambda (2001)
15   Rauchfleisch et al. (2002)
16   Biechele, Reisbeck & Keupp (2001)
17   Jugendnetzwerk Lambda (2001)
18   Dayer (2017)
19   Pullen Sansfaçon & Medico (2021)