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SchoolMatters




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27. September 2021

06 Diversität und Eingebundenheit

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6.5 Migration (Zuwanderung)

Ein grosses Dankeschön an Carolin Krauss und Ihr Team vom Schweizerischen Roten Kreuz für die Mitarbeit in diesem Kapitel.

Die Motive, warum Menschen ihre Heimat verlassen, sind dabei ebenso vielfältig wie ihre biografischen Hintergründe. Der Umzug in ein neues Land verursacht unausweichlich Stress, selbst dann, wenn die Entscheidung zur Auswanderung frei getroffen wurde. Dennoch sollte unterschieden werden, wenn eine Migration aus Gefahr für Leib und Leben (Krieg, Verfolgung, Vertreibung…) erfolgt ist. Diese Migrationsgruppen können aufgrund von traumatisierenden Erfahrungen eventuell grössere Schwierigkeiten bei der Integration haben. Traumafolgeerscheinungen können sich in Dissoziationen, Angstzuständen, Alpträumen/Schlafmangel etc. äussern. Wird eine solche Feststellung in der Schule gemacht, sollte eine Fachpersonen aufgesucht werden (siehe dazu auch Kapitel 5 zu Früherkennung und Frühintervention.

Wie Menschen im Einzelnen damit zurechtkommen, hängt von zahlreichen Faktoren ab [2], z.B. ob:

  • die Migration durch Krieg oder andere schwierige Umstände bedingt war,
  • sie eine relativ lange Zeit in Flüchtlingslagern bleiben mussten,
  • der Zielort gewählt oder zugeteilt wurde,
  • sie sich in der Landessprache verständigen können,
  • sie sich im neuen Land willkommen fühlen,
  • ein Statusverlust mit der Migration einhergeht,
  • angemessene Arbeits- und Wohnverhältnisse vorgefunden werden,
  • Unterstützungsnetzwerke existieren
  • ob Personen von der Kernfamilie getrennt wurden
  • die Arbeits- und Schulumwelt unterstützend sind,
  • es grössere Diskrepanzen zwischen zentralen Werten der (ursprünglichen) Heimat und denen des neuen Landes gibt,
  • mit der Migration ein Verlust an Kontrollüberzeugungen (vgl. Box) einhergeht,
  • individuelle Bewältigungskompetenzen z.B. durch ungenügende Sprachkenntnisse oder andere Verhaltensnormen eingeschränkt werden.

Kontrollüberzeugungen
Kontrollüberzeugungen bezeichnen die subjektive Einschätzung eines Menschen, ob die Ursache eines Ereignisses in der eigenen Person oder in anderen Menschen/der Umwelt begründet liegt. Kontrollüberzeugungen können Einfluss auf den Selbstwert eines Menschen ausüben.

Die Schule kann immigrierten Schülerinnen und Schülern insbesondere in der Eingewöhnungsphase unterstützend zur Seite stehen, indem sie diese positiv mitgestaltet und damit das soziale und emotionale Wohlbefinden der Schüler:innen sowie deren Eltern beeinflusst. In einem solchen Fall:

  • stellt sie durch einen hohen Grad an Berechenbarkeit einen «sicheren Hafen» dar und schützt vor negativen Gefühlen aus dem schulischen Umfeld;
  • bietet sie ihren Mitgliedern eine vertrauensvolle und vertraute Umwelt, mit der sich diese Menschen identifizieren und zu der sie sich zugehörig fühlen können.

Kulturschock
Als Kulturschock bezeichnet man den Verlust der emotionalen Balance, Desorientierung oder Verwirrung, die eine Person empfindet, wenn sie aus einer vertrauten in eine unbekannte Umwelt zieht […]. Der Hauptgrund für den Kulturschock besteht im abrupten Verlust aller Vertrautheiten, der zu einem Gefühl der Isolation führt.
Quelle: Trudgen (2000)

Verbundenheit und Resilienz
Durch ihre Auswanderung haben die Migrantinnen und Migranten höchstwahrscheinlich zahlreiche Freundinnen/Freunde sowie Familienangehörige zurücklassen müssen und müssen nun in einem fremden Land und in einer fremden Kultur neu anfangen. In dieser Zeit der Unsicherheit und Veränderungen kann die Identifikation mit der eigenen Kultur, den Traditionen sowie Personen aus dem Heimatland den Einwanderinnen und Einwandern Stärke und Halt geben – sie kann aber auch Probleme verursachen. Insbesondere dann, wenn die heimischen Traditionen und Bräuche stark von denen des Einwanderungslandes abweichen, hier nicht geschätzt werden oder sogar illegal sind (z.B. Beschneidung von Frauen). Wenn Schulen davon erfahren, sind sie verpflichtet, dies zu melden. Die Folge könnte sein, dass sich die Migrantinnen/Migranten nicht angenommen fühlen, eher Kontakt zu Menschen gleicher Nationalität oder Kultur suchen und daraus Verbundenheitsgefühle ziehen.

Häufig navigieren Kinder zwischen zwei verschiedenen Welten mit verschiedenen Werten und Traditionen, das ist nicht immer einfach. Die Schule sollte den Kindern diese Diskrepanz bewusst machen, Verständnis für diesbezügliche Schwierigkeiten zeigen und darauf hinweisen, dass dieses Switchen zwischen den Kulturen eben auch eine Stärke sein kann. Zudem sollten die Kinder lernen, Werte und Traditionen beider Kulturen zu hinterfragen.

Resilienz kann einerseits durch Familie, Freundschaften, z.B. in der Schule (siehe MindMatters Vertiefungsmodul Freundinnen/Freunde finden) oder auch durch das Umfeld, einer wohlwollenden und integrativen Schulkultur gefördert werden.

Mobbing und Belästigung
Das Mobben, Belästigen und Diskriminieren von Schüler*innen mit ausländischer Herkunft beruht zumeist auf gesellschaftlich tief verankerten rassistischen Einstellungen, der Angst vor Fremden (Xenophobie) sowie mangelnder Akzeptanz. Die Migrant*innen werden als eine Gruppe wahrgenommen, die sich durch ihre Herkunft, Kultur, Sprache, ihren Glauben wie auch äusserliche Merkmale (Haut- und Haarfarbe, Körpergrösse oder Kleidung) von den Einheimischen unterscheidet. Nicht selten geht diese Gruppeneinteilung mit der Zuschreibung bestimmter (negativer) Eigenschaften und Verhaltensweisen einher.

Rassismus
«Rassismus im engeren Sinn bezeichnet eine Ideologie, die Menschen aufgrund ihrer Physiognomie und/oder ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen ethnischen, nationalen oder religiösen Zugehörigkeit einteilt und hierarchisiert. Menschen werden nicht als Individuen behandelt, sondern als Mitglieder pseudo-natürlicher Gruppen («Rassen»). Als solche werden ihnen kollektive und unveränderbare minderwertige moralische, kulturelle oder intellektuelle Eigenschaften zugeschrieben.»
Quelle: Fachstelle für Rassismusbekämpfung, EDI

Solche stereotypen (oft übersteigerten) Vorstellungen scheinen Menschen die Beurteilung anderer Personen zu erleichtern und die Welt übersichtlicher zu machen. Sie führen aber vor allem dazu, dass die einzelne Person in ihrer Individualität nicht mehr wahrgenommen wird. Sie nehmen den Betroffenen jede Möglichkeit, zu zeigen, wer sie sind und was sie können. Vorurteile dienen ausserdem dazu, Macht- bzw. Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren und zu festigen, und rechtfertigen so scheinbar Mobbing, Diskriminierung und Gewalttaten gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Mangelnde Sprachkenntnisse machen die Betroffenen dabei zu besonders leichten Opfern (vgl. hierzu auch das MindMatters-Unterrichtsmodul «Mobbing? Nicht in unserer Schule!» und Kapitel 7 «Mobbing»).

Auch an dieser Stelle kommt der Schule eine wichtige Rolle zu. Sie hat die Aufgabe, ein Schul- und Klassenklima zu schaffen, in dem jedes Schulmitglied in seiner Einzigartigkeit respektiert und wertgeschätzt wird und die Möglichkeit hat, uneingeschränkt am Schulleben teilzunehmen. In Schulen und Klassen, die sich um ein entsprechendes Verbundenheits- und Zusammengehörigkeitsgefühl der Schulbeteiligten bemühen, ist nur wenig Platz für Vorurteile und deren negativen Folgen.

1    BFS (2020c)
2    Weiss (2002)