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25. Juni 2021 | Simone Walker, RADIX Schweizerische Gesundheitsstiftung

07 Mobbing? – Nicht in unserer Schule!

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© Volksschulgemeinde Eschlikon

7.1 Zahlen, Definition, Entstehung und Folgen

Das Wohlbefinden der Schüler*innen ist ein wichtiges Zielkriterium eines erfolgreichen Bildungssystems [1]. Mobbingerfahrungen beeinflussen das Wohlbefinden kurz- wie auch langfristig negativ [2]. In der Pisa-Studie von 2018 [3] zeigt sich bei den Schüler*innen zwar eine hohe Ausprägung in Bezug auf ihre Lebenszufriedenheit und ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Schule, im Ländervergleich weist die Schweiz aber die höchste Rate an ausschliessenden und ausgrenzenden Verhaltensweisen auf. Zudem sind die Zahlen im Vergleich zur Studie von 2015 gestiegen [4]. Rund 13 Prozent der 15-Jährigen geben an, dass man sich in den vergangenen 12 Monaten mindestens ein paar Mal pro Monat über sie lustig gemacht habe (2015: 11%). 11 Prozent berichten, dass Mitschüler*innen mindestens ein paar Mal pro Monat gemeine Gerüchte über sie verbreitet haben (2015: 7%). Auch bedroht werden die Jugendlichen häufiger. So geben rund 7 Prozent von ihnen an, mindestens ein paar Mal pro Monat bedroht worden zu sein (2015: 3%).

Die HBSC-Studie Schweiz von 2018 zeigt ähnliche Resultate [5]. In den Monaten vor der Befragung wurden 12.3 Prozent der 11- bis 15-Jährigen ein- oder zweimal, und 6.3 Prozent mindestens zweimal pro Monat in der Schule z.B. ausgegrenzt. Mädchen (6.9%) wurden etwas mehr als Jungen (5.8%) Opfer von Mobbinghandlungen. Bei den Jungen wie bei den Mädchen zeigt sich, dass bei den älteren im Vergleich zu den jüngeren Jugendlichen weniger oft von Mobbing (d.h. mindestens zweimal pro Monat) berichtet wird. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind dabei etwas häufiger von Mobbing betroffen als Jugendliche mit Schweizer Herkunft (7.3 vs. 5.1%).

In der oben genannten Pisa-Studie wurde zudem die Meinung der Schüler*innen zu Mobbing in ihrer Schule erfragt. Insgesamt zeigt sich an Schweizer Schulen in der Tendenz eine Haltung der Missbilligung gegenüber Mobbing: 87 Prozent der 15-Jährigen begrüssen es, wenn sich jemand für Schüler*innen einsetzt, die gemobbt werden. Ferner geben 86 Prozent aller Jugendlichen an, dass sie es falsch finden, bei Mobbing mitzumachen. 73 Prozent der Jugendlichen ärgern sich, wenn niemand die gemobbten Schüler*innen verteidigt.

 

Wann handelt es sich um Mobbing?

Mobbing liegt vor, wenn negative und schädigende Handlungen über längere Zeit wiederholend und systematisch gegen eine bestimmte Person ausgeübt werden. Folgende fünf Merkmale sind typisch für Mobbingsituationen und müssen gleichzeitig erfüllt sein, damit von Mobbing gesprochen werden kann [6]:

  1. Ein Konflikt hat sich verfestigt.
  2. Die angegriffene Person ist unterlegen. Die Angriffe sind systematisch und häufig (z.B. wöchentlich).
  3. Angriffe geschehen über längere Zeit (3–4 Monate oder länger).
  4. Die gemobbte Person hat kaum die Möglichkeit, aus eigener Kraft der Situation zu entkommen.
  5. Ziel ist oft der Ausschluss aus dem Arbeitsteam oder der Klassengemeinschaft.

Um Mobbing besser zu verstehen, hilft der Vergleich mit Konflikten [7]. Konflikte gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen dazu und fördern deren emotionale und soziale Entwicklung. Schüler*innen lernen dabei ihren Standpunkt zu vertreten bzw. sich durchzusetzen, oder aber Kompromisse einzugehen bzw. nachzugeben. Sie müssen gemeinsam nach Lösungen suchen, um den Konflikt zu beseitigen. In einem Konflikt sind die Beteiligten gleichberechtigt sowie gleich stark. Die Kinder und Jugendlichen streiten sich meistens um einen konkreten Inhalt (Gegenstand, Vorkommnis etc.). Mobbing hingegen hindert die Entwicklung von sozial-emotionalen Kompetenzen von Mobbenden und Gemobbten [8].

Es kann also nicht von Mobbing gesprochen werden, wenn sich Kinder/Jugendliche über eine längere Zeit um eine Sache streiten oder immer wieder streiten. Auch besteht keine Mobbingsituation, wenn Kinder/Jugendliche nur schwierig Anschluss bei Mitschüler*innen finden und dabei von ihnen nicht oder zu wenig stark einbezogen werden. Im Mobbing geht es um eine Machtdemonstration, indem Mobbende ohne nachvollziehbaren Grund und absichtlich jemanden angreifen und verletzen.

 

Wo und wie Mobbing entsteht

Mobbing entsteht in sozialen Umfeldern, denen man sich nicht einfach entziehen kann. Kinder und Jugendliche werden einer Schule z.B. aufgrund der Örtlichkeit oder des Niveaus zugeteilt und haben die Pflicht, diese zu besuchen. Es werden Schulklassen gebildet, häufig ohne Rücksicht auf Freundschaften. Eine Schulklasse stellt eine Gruppierung dar, die gesetzlich verankert ist. Schüler*innen können Mobbing deshalb nicht ohne Weiteres entfliehen [9].

Heute wird Mobbing als ein sozial-ökonomisches Problem betrachtet [10]. Das heisst, Merkmale einer Person werden durch den sozialen Kontext beeinflusst und umgekehrt. Zum sozialen Umfeld zählen u.a. die anderen Kinder in der Klasse oder in der Schule, die Familie, die Schule (Gebäude, Pausenplatzgestaltung, Schulklima etc.) sowie die Wohnumgebung (Nachbarschaft, Quartier). Kinder/Jugendliche sind Individuen und Teil der Klasse oder Schule zugleich.

Mobbing lebt von der Gruppendynamik und ist ein kollektives Phänomen innerhalb einer Klasse, Gruppe oder Schule. Die Schüler*innen nehmen bei Mobbing eine bestimmte Rolle ein [11]:

  • Mobbende/Täter*innen/Bullies ergreifen die Initiative, um jemanden aktiv zu schikanieren, und übernehmen die Führungsrolle.
  • Gemobbte/Betroffene sind den Attacken und Mobbinghandlungen hilflos ausgeliefert. Welche Schüler*innen gemobbt werden, ist nicht immer nachvollziehbar und kann nicht einfach auf Persönlichkeitsmerkmale zurückgeführt werden. Es kann jede Schülerin und jeden Schüler treffen.
  • Assistierende/Mitläufer*innen orientieren sich am Verhalten der Mobbenden und schikanieren aktiv mit. Sie unterschätzen oft die Auswirkungen der Attacken der Mobbenden auf die Gemobbten/Betroffenen. Sie würden auch selbst niemals die Initiative ergreifen.
  • Verstärkende sehen bei Mobbing zu, lachen mit oder feuern die Mobbenden an und bestärken sie dadurch mit einem positiven Gefühl.
  • Helfende/Verteidigende stellen sich deutlich auf die Seite der Gemobbten, unterstützen und trösten sie. Sie versuchen aktiv, die Mobbinghandlungen zu verhindern.
  • Zuschauende/Aussenstehende sind jene Schüler*innen, die zwar die Attacken miterleben, sich aber aus der Mobbingsituation heraushalten und sich nicht einmischen. Sie tun nichts. In über 85 Prozent der Mobbingfälle gibt es Zuschauende/Aussenstehende [12]. Diesen Kindern/Jugendlichen geht es weniger gut als Gleichaltrigen in der Klasse ohne Mobbing [13]. Sie fürchten sich davor, selber zur Zielscheibe der Mobbenden zu werden, falls sie sich für die Gemobbten einsetzen [14]. Durch ihre Passivität verstärken sie das Mobbing unbewusst, da sie den Mobbenden signalisieren, ihre Handlungen zu billigen [15], und die Mobbenden dieses Nichts-Tun als Unterstützung verstehen (wollen).
  • Lehrpersonen können die Mobbingsituation bewusst oder unbewusst beeinflussen. Nur schon das Wissen um Handlungsmöglichkeit wirkt sich auf ihr Handeln aus. Ihre Reaktionen werden von den Schüler*innen sehr genau wahrgenommen. Im Falle des Nicht-Einschreitens werden die Mobbenden in ihrem Tun bestärkt und die Gemobbten entmutigt, Hilfe zu suchen. Lehrpersonen können daher durch ihr Verhalten eine Mobbingsituation verhindern, aber auch begünstigen. Deshalb haben Lehrpersonen eine wichtige Vorbildfunktion. Eine klare und konsequente Haltung gegen Mobbing ist für das Verhalten der meisten Schüler*innen von grosser Bedeutung.
  • Schulleitende gestalten die Schulkultur (vgl. Kapitel 3.2). Eine klare und konsequente Haltung, die Mobbing nicht toleriert und die Schule aktiv als angstfreien, wohlwollenden Ort für alle fördert, ist entscheidend. Schulmitglieder schauen hin und sind befähigt zu handeln. Dazu ist ein gemeinsames Verständnis von Mobbing und vom Umgang mit Anzeichen wichtig. Dies beginnt schon bei kleinen Blossstellungen oder Beleidigungen, auch unter den Mitarbeitenden.

 

Abbildung: Gruppendynamik bei Mobbingprozessen (Quelle: ÖZEPS/goldmädchen/Nora Novak)

7.1 Gruppendynamik Bei Mobbing

Warum sollte man nicht von «Opfern» sprechen

Mit dem Begriff «Opfer» ist zumeist eine Handlungsunfähigkeit verbunden. Häufig verlieren die betroffenen Schüler*innen im fortschreitenden Mobbingprozess zusehends ihr Selbstvertrauen und zweifeln an sich und ihren sozialen Kompetenzen. Es ist aber für die psychische Gesundheit wichtig, dass sie sich auf Dauer nicht als Opfer erleben, sondern lernen, auch in schwierigen Situationen handlungsfähig zu bleiben bzw. handlungsfähig zu werden. Daher empfehlen wir, in den Gesprächen und im Rahmen der aktiven Auseinandersetzung im Mobbingprozess die Begriffe «Gemobbte» oder «Betroffene» anstelle des Begriffs «Opfer» zu verwenden.

Folgen von Mobbing

Mobbing hat für Gemobbte, Mobbende sowie die gesamte Klasse/Peergroup zahlreiche negative Konsequenzen. Deshalb ist es umso wichtiger, frühzeitig Anzeichen von Mobbing zu erkennen und zu handeln (vgl. Kapitel 7.4). Die folgende Tabelle zeigt mögliche physische, psychische und soziale Auswirkungen von Mobbing [16].

7.1 Folgen Von Mobbing

1    Hascher (2004); Hascher, Hagenauer & Schaffer (2011)
2    Drydakis (2014), OECD (2017), Rivara & Le Menestrel (2016)
3    OECD (2019)
4    OECD (2017)
5    Delgrande Jordan et al. (2019)
6    Kaspar (2002)
7    Alsaker (2011)
8    Kaspar (2002)
9    Smith et al. (1999)
10  Espelage & Swearer (2003)
11  Alsaker (2011); Salmivalli et al. (1996)
12  Hawkins, Pepler & Craig (2001)
13  Alsaker & Olweus (2002)
14  Slee (1993)
15  Alsaker (2003)
16  Alsaker & Kauer (2003); Olweus (2006); Scheithauer, Hayer & Petermann (2003); Kindler (2009); Gualdi et al. (2009)