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SchoolMatters




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3. November 2021

09 Suizidalität und die Rolle der Schule

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9.3 Früherkennung, Frühintervention und Umgang mit Risikoschülerinnen und -schülern

Das Thema Suizid beschäftigt Jugendliche mehr oder weniger, dies gehört zur normalen Entwicklung von Teenagern und ist nicht unbedingt ein Alarmzeichen. Es kommt jedoch vor, dass die Gedanken an Suizid immer mehr in den Vordergrund rücken und ein Risiko für suizidales Verhalten entsteht. Es ist deshalb wichtig, dass Schulen alle Äusserungen, Gedanken, Drohungen, Suizidversuche oder andere Formen der Selbstverletzung ernst nehmen und sich gegebenenfalls um eine Weitervermittlung an professionelle Einrichtungen kümmern. Ebenso stellt sich die Frage, in welcher Form Schüler:innen, die nach einem Suizidversuch wieder am Schulleben teilnehmen, seitens der Schule unterstützt werden können. Durch eine professionelle Unterstützung lassen sich die Risiken und Gefahren weiterer Probleme und Zwischenfälle (Selbstverletzung, Suizid oder die Gefahr einer Nachahmung des Suizids) verringern.

Aufbau professioneller Unterstützungsstrukturen

Beginnt eine Schule mit dem Aufbau von Unterstützungsstrukturen, sollte schulintern regelmässig darüber informiert werden. Zum Beispiel muss für alle Schulmitglieder klar sein, welche Personen wofür verantwortlich sind, z.B. für Interventionen oder die Weitervermittlung. Die Koordination und Leitung des Unterstützungssystems sollte, soweit möglich, eine speziell ausgebildete Beratungsperson (z.B. Schulsozialarbeitende, Lehrpersonen mit Weiterbildung, Schulpsychologische Dienste) übernehmen. Dafür bietet sich der Erste-Hilfe-Kurs «Fokus Jugendliche» oder der Spezialkurs «Erste-Hilfe-Gespräche über Suizidgedanken» von ensa an (Informationen zu beiden Kursen im Kapitel 5.5 und unter www.ensa.swiss). Diese Person trägt dann bei den Interventionen und der Weitervermittlung eine grössere Verantwortung im Vergleich zu den anderen Lehrpersonen und nicht ausgebildeten Beratungspersonen – achten Sie auf eine klare Abgrenzung. Ausserdem sollten schulinterne Beratungspersonen oder Beratungslehrpersonen im Austausch mit anderen Expertinnen/Experten stehen und Supervisionsangebote nutzen können, um mögliche Konfrontationen mit suizidgefährdeten Jugendlichen oder auch Kolleginnen/Kollegen besprechen zu können.

Suidzidalität erkennen und handeln

Besondere Aufmerksamkeit ist bei Schüler:innen angezeigt, die plötzlich positive oder negative Veränderungen in der Leistung aufweisen, begleitet von Verhaltensänderungen wie z.B. Rückzug oder Traurigkeit. Jugendliche, die an psychischen Auffälligkeiten leiden (z.B. Depression) und/oder einen Suizid im näheren Umfeld erleben, sind ebenfalls eher gefährdet. Informationen dazu vermittelt u.a. feel-ok.ch (> Jugendliche > Themen > Suizidalität) und der Leitfaden für Schulen «Suizidalität im Jugendalter» des Kantons Zürich. Dieser fasst wie folgt zusammen, welche Merkmale wie eingeschätzt werden können/müssen:

9.3 Suizidalität erkennen Tabelle: Merkmale und Einschätzung. (Gesundheits- und Bildungsdirektion Zürich, 2021)

Impulse zur Gewährleistung der Sicherheit von Risikoschülerinnen und -schülern und zur Weitervermittlung

  • Wenn Sie irgendwelche Zweifel haben: Holen Sie die Meinung von Expertinnen/Experten ein (Kinder- und Jugendpsychiatrie, allenfalls Schulpsychologie).
  • Wenn ein junger Mensch als suizidgefährdet eingestuft wird, ist es wichtig, seinen Sorgen zuzuhören, seine Sicherheit zu gewährleisten und umgehend Expertinnen/Experten (Kinder- und Jugendpsychiatrie, allenfalls Schulpsychologie) hinzuzuziehen.
  • Wenn das Suizidrisiko als hoch eingestuft wird, muss alles unternommen werden, um die Sicherheit dieses Menschen zu gewährleisten. Das kann bedeuten, die Schweigepflicht aufzuheben, mögliche Hilfsmittel für einen Suizid wegzunehmen oder, wenn notwendig, die Unterbringung in einer überwachten Umgebung zu veranlassen (z.B. durch Schulpsychologische Dienste).
  • Auch Expertinnen/Experten können nicht mit Sicherheit vorhersagen, welche Menschen Suizid begehen, auch dann nicht, wenn mehrere Risikofaktoren zusammentreffen. Dies legt nahe, alle jungen Menschen mit einem erhöhten Risiko zu unterstützen und, wenn es angemessen erscheint, an entsprechende Beratungsstellen zu überweisen. Das Ziel einer Schule sollte sein, die Unterstützung innerhalb und ausserhalb der Schule zu maximieren und die Risiken zu reduzieren.
  • Die Schule muss sich mit den Eltern in Verbindung setzen und die Vorgehensweisen und eine Weitervermittlung an die richtige Stelle mit ihnen absprechen. Die Eltern werden zuerst kontaktiert. Falls jedoch vermutet wird, dass Konflikte im Elternhaus zur Suizidalität beitragen, kann es sinnvoll sein, zuerst die Expertinnen/Experten beizuziehen und erst danach die Eltern.

Grundsätze für die Arbeit mit Risikoschülerinnen/-schülern

  • Zeigen Sie den Schülerinnen und Schülern gegenüber grundsätzlich Respekt und Anerkennung für deren Bewältigungsstrategien und Urteilsfähigkeit.
  • Vergrössern Sie das Vertrauen der Schüler:innen und mindern Sie das Gefühl, nicht normal zu sein.
  • Sprechen Sie mögliche (weitere) Massnahmen der Schule insgesamt und in der Klasse an, die bei der Behandlung von Themen der psychischen Gesundheit vorstellbar sind (z.B. sicherer Raum für Rückzug, Erstellung weiterer Klassenregeln, feste Ansprechperson ausserhalb der Klasse).
  • Ermutigen Sie die Schüler:innen, Unterstützung und Hilfe zu suchen und fördern Sie die Akzeptanz des hilfesuchenden Verhaltens, indem Sie es belohnen und würdigen.
  • Nehmen Sie Schüler:innen, die Ihnen von ihren Sorgen um jemanden berichtet haben, die weitere Verantwortung ab. Danken Sie ihnen für die Informationen und den Mut, darüber zu sprechen.
  • Spielen Sie das Thema oder die Probleme keinesfalls herunter: Versichern Sie den Schülerinnen/Schülern, dass geeignete Hilfe gefunden werden wird.
  • Respektieren Sie so weit wie möglich die Privatsphäre der Schüler:innen und nutzen Sie einen Ort, an dem Sie ungestört reden können.
  • Versprechen Sie nicht, die Informationen geheim zu halten, und erklären Sie, warum Sie dies nicht tun können (vgl. Kapitel 5.1 und 5.2).
  • Informieren Sie alle Personen, die Bescheid wissen müssen, und geben Sie darüber hinaus keine Informationen weiter. Einbezug von Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.
  • Sprechen Sie mit Ihren Schülerinnen und Schülern über Abwesenheit von der Schule oder über Nachsicht bei schulischen Leistungen.
  • Nehmen Sie sich ausreichend Zeit für solche Gespräche.
  • Werden Sie sich darüber bewusst, dass die Risikofaktoren für Suizid auch Anzeichen für andere negative Verhaltensweisen mit Langzeitfolgen sein können, wie z.B. Schuleschwänzen, Drogenmissbrauch oder Delinquenz.
  • Informieren Sie die Schüler:innen und Eltern regelmässig über schulische Massnahmen, Vermittlungs- und Unterstützungsstrategien und den Informationsfluss: Was wird wem, wie, wann und warum gesagt?
  • Arbeiten Sie bei der Planung der Unterstützung und der Reintegration in Schule und Unterricht mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern, deren Familien und externen Beratungs- oder Therapieeinrichtungen zusammen.
  • Lassen Sie sich frühzeitig selbst beraten – im Kollegium oder bei Fachstellen. Sie können den Fall auch anonym schildern, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren.

Handlungsleitfaden zur Suizidprävention

Ein verbindlicher Leitfaden, wie bei bestimmten Anzeichen vorzugehen ist, ist für Schulen unverzichtbar. Damit wissen Lehr- und Bezugspersonen, wo sie ihre Beobachtungen melden können und wie sie handeln müssen, und sie werden durch die Sicherheit, dass im Sinne des Jugendlichen Massnahmen nach bestem Wissen und Gewissen getroffen werden, entlastet.

Die Hauptbestandteile eines Handlungsleitfadens sind die Regelung von Sofortmassnahmen und von mittelfristigen Massnahmen, die Nachsorge sowie Massnahmen im Bereich des Unterrichts. Ein Leitfaden zur Suizidalität kann Teil des allgemeinen Handlungsleitfadens für Früherkennung und Frühintervention sein (vgl. Kapitel 6). Das Tool 7 unterstützt Sie bei der Entwicklung von Handlungsleitfäden. Im Weiteren helfen auch kommunale oder kantonale Leitfäden als Vorlagen, wie zum Beispiel: