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SchoolMatters




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5. November 2021

04 Eltern als Partner:innen

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4.1 Dimensionen und Arten der (Zusammen-)Arbeit mit Eltern

Der Lehrplan 21 beinhaltet neue Themen und zahlreiche Schulen testen innovative Möglichkeiten, um diese zu vermitteln – leider oft immer noch ohne echte Elternbeteiligung. Die «Schule 21» sollte weniger auf unverbindliche Beteiligungsangebote setzen, sondern auf wirkungsorientierte Angebote zur Stärkung des «Bildungsortes Familie». Dabei gilt es, die Ressourcen, das Wissen und die Vernetzung der Eltern zu nutzen. Die Schule fördert so das Vertrauen der Eltern in die Schule von heute und legt wichtige Grundlagen für den Bildungserfolg der Schüler:innen und das Gelingen von präventiven und gesundheitsfördernden Massnahmen.

Bildungs- und Erziehungspartnerschaft

  • Schule (gilt auch für Kitas, Spielgruppen etc.) und Elternschaft unterstützen sich gegenseitig in ihrem Bildungs- und Erziehungsauftrag. Die Rollen können in einer Vereinbarung festgehalten werden. Idealerweise werden die Inhalte gemeinsam entwickelt. Im schulischen Setting können Schüler:innen einbezogen werden. Ein Beispiel einer solchen Vereinbarung finden Sie bei der Schule Wangen: schulewangen.ch/images/pdf/schulvereinbarung_wangen.pdf

 

Bildungslandschaften

  • Das Konzept der Bildungslandschaften orientiert sich an dem afrikanischen Sprichwort «Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen».
  • Kita, Spielgruppen, Familienzentrum, Schule, Sportvereine und weitere ausserschulischen Akteurinnen und Akteure vernetzen sich zu einer lokalen Bildungslandschaft. Ressourcen können besser genutzt werden. Mehr Familien werden erreicht, die einzelnen Organisationen werden entlastet.
  • Weitere Informationen zu Bildungslandschaften finden Sie im Kapitel 3.4.

 

Elternarbeit

  • Informationen, Austausch und Kontakte der Schule und einzelner Lehrpersonen mit Eltern.
  • In der Regel ausgehend von Fachpersonen wie Lehrpersonen, Schulleitung oder Schulbehörde oder auch Kita- oder Spielgruppenverantwortliche. (Charakter: einseitige Handlungsrichtung).
  • Elternarbeit kann individuell sein, bezogen auf ein Kind.
  • Tür- und Angelgespräche sind in Kitas, Spielgruppen und Kindergärten beliebt. Die Informationen fliessen spontan, ohne Voranmeldung.
  • Hausprogramme oder aufsuchende Elternarbeit (Bring-Prinzip) sind in der frühen Kindheit sehr wirksam. Die Fachpersonen suchen die Familie zu Hause auf. Der Beziehungsaufbau und Spielanregungen für die Kinder stehen im Vordergrund.
  • Angebote, die die digitalen Medien nutzen: Klapp, Shubido, Pupil etc.

 

Elternzusammenarbeit/Elternmitarbeit

  • Die Verantwortung liegt bei der Schule. Die Eltern werden zur Zusammenarbeit eingeladen und erhalten projektspezifisch mehr Verantwortung.
  • Interessierte Eltern werden in die Gestaltung von Aktivitäten der Organisation Schule einbezogen (Feste, Unterricht, Projekte, Veranstaltungen etc.).
  • Elternzusammenarbeit/Elternmitarbeit wird meist durch Fachpersonen, Lehrpersonen oder Schulleitung initiiert (Charakter: unterstützend).

 

Elternbeteiligung/Elterneinbezug

  • Eltern können sich in der Schule in verschiedenen Formen engagieren. Ihre Mitwirkung kann schulbezogen oder lernbezogen sein. Schulbezogene Elternbeteiligung umfasst Praktiken, die den Kontakt mit der Schule fördern. Lernbezogen sind dagegen Aktivitäten, die das Lernen des Kindes im häuslichen Kontext unterstützen.
  • Eltern sind eingeladen zur Mitarbeit. Sie erhalten Einblick in die Arbeitsweise der Lehrpersonen und Lernsettings der Kinder. Das «Modelllernen» trägt dazu bei, dass die Eltern ihren Kindern zu Hause eine hilfreiche Lernumgebung bereitstellen können. Eltern erleben, wie die Kinder heute lernen.
  • Eltern können auch einbezogen werden in die Entwicklung von Angeboten, Projekten und die Diskussion von Themen. Die Leitung liegt bei der Schule.

 

Elternmitwirkung

  • Bei der individuellen Elternmitwirkung werden die Eltern eines Kindes angesprochen. Sie wirken mit bei wichtigen Beschlüssen mit, die ihr Kind betreffen. Sie nehmen an vorbereitenden Gesprächen teil. Es geht um die schulische Förderung des Kindes und Disziplinarfragen.
  • Allgemeine oder institutionalisierte Elternmitwirkung ist vor allem in Schulen bekannt. Sie bezeichnet die definierte Zusammenarbeit von Elternschaft und Schule.
  • Elternmitwirkung beinhaltet Mitarbeit, Mitsprache und Mitbestimmung.
  • Die Zusammenarbeit ist in einem Reglement, einer Vereinbarung oder Geschäftsordnung geregelt. Der Lead und die Schlussverantwortung liegen bei der Schule.
  • Zu beachten: Die Elternmitwirkung ist in einzelnen Kantonen gesetzlich geregelt (siehe unten «Institutionalisierte Elternmitwirkung). Viele Angebote stützen sich auf Rahmenbedingungen, die durch die Fachstelle Elternmitwirkung (www.elternmitwirkung.ch) unterstützt werden.

 

Institutionalisierte Elternmitwirkung (EMW)

  • Die drei wichtigsten Grundformen der institutionalisierten Elternmitwirkung sind Elternrat, Elternforum und Elterntreff. Variationen und Kombinationen der Formen sind möglich. Bei der Wahl und konkreten Ausgestaltung der Organisationsform eines Elternmitwirkungsgremiums sind v.a. die Grösse der Schule und die Zusammensetzung der Eltern zu beachten.
  • Das Elternmitwirkungsgremium fasst die Eltern oder Elterndelegierten einer Schule zusammen, die in geregelter Art und Weise mit der Schule zusammenarbeiten. Sie sind Teil der Organisation Schule und unterstehen der Verantwortung der Schulbehörde.
  • In einem Reglement oder einer Geschäftsordnung (als Teil des Organisationsstatuts einer Schule) sind Organisationsform, Ziele, Aufgaben, Kompetenzen und weitere Rahmenbedingungen festgehalten.
  • Die Schulbehörde genehmigt das Reglement.
  • Rechtsform: In der Regel eine einfache Gesellschaft nach Obligationenrecht (Art. 530). Politisch und konfessionell neutral.
  • Die Schulleitung und Lehrpersonenvertretungen nehmen in der Regel an den Sitzungen des Elternmitwirkungsgremiums mit beratender Stimme teil.
  • Die Schulbehörde kann bei Bedarf an die Sitzungen eingeladen werden. Das Gleiche gilt für die Schulsozialbreitenden, Fachpersonen Betreuung, Förderung und Vertretungen der Schüler:innenschaft.

 

Elternorganisationen (von Eltern organisiert)

  • Elterntreff, Elterngruppe, Eltern-Kind-Gruppen, Elternvereine können auch von Eltern organisiert werden. Sie dienen dem Austausch, der gegenseitigen Unterstützung und Organisation von Angeboten für die Familien. Die Gruppen sind oft als Verein organisiert und leisten Freiwilligenarbeit.

 

Elternbildung

  • Elternbildung vermittelt Kenntnisse und Fähigkeiten, die die Erziehungskompetenz von Eltern und Erziehungsberechtigten fördern und stärken. Dabei berücksichtigt sie die Ressourcen der Erziehenden und strebt einen achtsamen und respektvollen Umgang an. Die Elternbildung richtet sich an alle Formen von Familien in den verschiedenen Lebensphasen und berücksichtigt persönliche, kulturelle, soziale und sprachliche Voraussetzungen. Die Angebote werden durch Fachpersonen geleitet. Angebote via digitaler Medien wie Online-Meetings, Webinare, Podcats und Apps sind im Aufbau.

 

Stärkung der Elternkompetenzen

Mit Elternkompetenzen werden die Fähigkeiten bezeichnet, die Eltern benötigen, um ihr Kind kompetent dabei zu begleiten, dass es sich zu einer eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit entwickeln kann:

  1. Selbstbezogene Kompetenzen (z.B. klare Wert- und Zielvorstellungen, Emotionskontrolle)
  2. Kindbezogene Kompetenzen (z.B. Bedürfnisse und Entwicklungspotenziale erkennen)
  3. Kontextbezogene Kompetenzen (z.B. entwicklungsförderliche Situationen schaffen; Erziehungspartnerschaften eingehen)
  4. Handlungsbezogene Kompetenzen (z.B. Umsetzung angekündigter Konsequenzen)

Einen Überblick über die Dimensionen von effektiven Bildungs- und Erziehungspartnerschaften gibt die nachfolgende Grafik von Matthias Bartscher [1]. Er bezieht Kitas, Kindergärten, Schulen und die Tagesbetreuung mit ein und legt einen besonderen Fokus auf die diversen Übergänge, die besonders für Kinder aus belasteten Familien herausfordernd sein können. Wichtig ist, dass die Elternarbeit sich entlang der Bildungsbiografie bewegt und dass sie auf verbindlicher und vertrauensvoller Kommunikation basiert. Bartscher unterscheidet dabei folgende drei Felder für die Elternarbeit:

  1. Elternarbeit mit Fokus «Familie»: z.B. pädagogische Elternabende, Elternseminare, Beratung in Erziehungsfragen, Vermittlung von Hilfen und Unterstützung.
  2. Elternarbeit mit Fokus «Bildungseinrichtung»: z.B. Projekte und Aktivitäten zur Gestaltung der Schule, Elternmitarbeit in pädagogischen Aktivitäten, Mitwirkungs- und Mitgestaltungsgremien, Gespräche in Entwicklungsfragen.
  3. Die Arbeit innerhalb des eigenen Netzwerks der Schule und Beteiligung an vorhandenen Netzwerken: Hier gilt es u.a. Themen zu bearbeiten und Wissen für die Elternarbeit/Elternbeteiligung zu erarbeiten z.B. bezüglich motivierende Gesprächsführung und Beratung, Kommunikationswege, unterschiedliche soziokulturelle Lebenswelten oder auch Kinderschutzverfahren.
4.1_Dimensionen Bildungs-Erziehungspartnerschaft Abbildung: Dimensionen Bildungs- und Erziehungspartnerschaft nach Bartscher (Bartscher, 2013)

Auch der amerikanische Wissenschaftler Joyce Epstein [2] betont die Wichtigkeit, dass Schulen die Familien als Partner:innen verstehen, um eine gute, gesunde Entwicklung der Kinder erreichen zu können. Er unterscheidet und empfiehlt sechs Arten der Elternbeteiligung in Schulen:

  1. Kindererziehung: Unterstützen Sie das häusliche Umfeld und stärken Sie die Familie. Damit unterstützen Sie Schüler:innen in der Schule.
  2. Kommunikation: Schaffen Sie effektive Formen der Kommunikation zwischen Schule und Eltern in Bezug auf Schulprogramme und den Fortschritt der Kinder.
  3. Freiwilligenarbeit: Rekrutieren Sie Eltern, um die Bemühungen der Schule zu unterstützen.
  4. Lernen zu Hause: Teilen Sie Informationen über Ideen für das Lernen zu Hause sowie darüber, was im Klassenzimmer vor sich geht. Damit unterstützen Sie die Ausrichtung von Familie und Schule in Bezug auf Bildungsbemühungen.
  5. Entscheidungsfindung: Ermächtigen Sie die Eltern, Führungspersönlichkeiten zu sein, und beziehen Sie sie in die Entscheidungsfindung in der Schule ein.
  6. Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft: Identifizieren und integrieren Sie Ressourcen und Dienste der Gemeinschaft. Damit stärken Sie Schulprogramme, Familienpraktiken und das Lernen sowie die Entwicklung der Schüler:innen.

1          Bartscher (2013) Bartscher, Matthias; Kreter, Gabriela (2013d)
2          Epstein (o.J.)