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5. November 2021 | Flavia Glanzmann, RADIX Schweizerische Gesundheitsstiftung (Kapitel 6.6 & 6.7)

07 Diversität und Eingebundenheit

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7.6 Körperbild

Ein grosses Dankeschön an Brigitte Rychen von der Fachstelle PEP Prävention Essstörungen Praxisnah für die Mitarbeit in diesem Kapitel.

«Ein gesundes Körpergewicht ist mehr als ein Body-Mass-Index (BMI) im Normalbereich. Es ist auch eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper» [1] und damit ein positives Körpergefühl.

Eine sehr kritische Entwicklungsphase im Zusammenhang mit der Identitätsentwicklung ist die Adoleszenz, die geprägt ist von starken körperlichen Veränderungen [2]. Jugendliche sind in dieser Zeit besonders vulnerabel, da sie ihren verändernden Körper speziell zu Beginn der Pubertät oft als unattraktiv erleben und mit vielen Unsicherheiten und Ängsten in Bezug auf ihren Körper zu kämpfen haben [3]..Zusätzlich werden sie durch realitätsfremde Schönheitsideale verunsichert, die in den digitalen und Print-Medien überall zu finden sind [4]. Jugendliche müssen sich mit dem sich verändernden Körper erst vertraut machen und ein neues Körpergefühl entwickeln [5].

Im Jahr 2018 war in der Schweiz rund die Hälfte der 11- bis 15-Jährigen mit ihrem Körpergewicht zufrieden [6]. Bei den Unzufriedenen ist bemerkenswert, dass der BMI häufig nicht damit übereinstimmte, wie Jugendliche ihr Körpergewicht wahrnahmen. Dabei überschätzten Mädchen ihr Körpergewicht eher, während Jungen es häufiger unterschätzten. Jungen hatten dabei insgesamt ein positiveres Körperbild als Mädchen. Ein Vergleich zwischen Daten der Deutschschweiz (2015) und der Romandie (2016) bei 13- bis 16-Jährigen weist darauf hin, dass die jungen Männer in der Romandie deutlich unzufriedener sind mit ihrem Körpergewicht. Bei den jungen Frauen ist es gemäss diesen Daten in beiden Sprachregionen rund ein Drittel, der mit dem eigenen Körper zufrieden ist [7]. Viele Jugendliche denken, dass sie selbstbewusster und glücklicher wären, wenn sie ihren Körper verändern könnten [8].

Konzept Körperbild
Das Körperbild beschreibt die subjektive Einstellung und die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper – unabhängig von objektiven Voraussetzungen wie Gewicht, Körperform oder weiteren äusseren Merkmalen wie beispielsweise Hautfarbe, Augenabstand und Nasenform. Es bildet sich immer aufgrund von Wechselwirkungen zwischen der Person und ihrem Umfeld. Dazu zählen die gegenseitige Beeinflussung von umweltbedingten Einflüssen und interpersonellen Erfahrungen (z.B. kulturelle Sozialisation, auch durch ein vorherrschendes Schönheitsideal, Feedback, Modelllernen), kognitive und emotionale intrapersonelle Faktoren (z.B. Selbstwertgefühl), körperliche Charakteristika (Körpergewicht, physische Erscheinung) sowie Verhalten (ungesundes/gesundes Essverhalten, Umgang mit dem Körper). Das Körperbild ist ein wichtiger Bestandteil unserer Identität und unseres Selbstkonzepts.

Quellen: Forrester-Knauss (2014); Gesundheitsförderung Schweiz (2016); Dittmar (2009)

Faktoren für ein negatives Körperbild sind eine starke Unzufriedenheit, negative Gedanken und negative Gefühle gegenüber dem eigenen Körper [9] sowie ein starker Druck aufgrund des kulturellen Schönheitsideals, der sozialen Botschaften und der individuellen Persönlichkeitsmerkmale [10]. Problematisch wird ein negatives Körperbild dann, wenn der Wunsch, seinen Körper zu verändern, zu einem gesundheitsgefährdenden Verhalten führt oder wenn es die psychische Gesundheit ernsthaft beeinträchtigt. Dies zeigt sich z.B. durch gestörtes Essverhalten, keine oder exzessive sportliche Betätigung, zunehmenden Substanzkonsum, risikoreiches Sexualverhalten, Schulabsenz, Beziehungsunfähigkeit oder sozialen Rückzug [11] und kann somit ungünstige Folgen für die gesamte Entwicklung haben [12]. Betroffene leiden beispielsweise oft an einem mangelnden Selbstwertgefühl und fühlen sich sozial ausgegrenzt, so dass Depressionen und auch Suizide überdurchschnittlich häufig vorkommen. Ein positives Körperbild fördert hingegen die gesunde Entwicklung der jungen Menschen in allen Lebensbereichen. Sie verfügen über ein positiveres Selbstwertgefühl und mehr Selbstakzeptanz, es fällt ihnen u.a. leichter ihre geistigen und physischen Möglichkeiten zu erweitern, Freundschaften zu schliessen, selbstständig zu werden oder spezifische Stärken und Begabungen ohne Einschränkungen zu entwickeln, und sie haben eine gesündere Einstellung zu Lebensmitteln, Essen und Bewegung [13]. Zudem ist eine positive Einstellung zum eigenen Körper wichtig, damit Massnahmen zugunsten einer gesunden Ernährung und Bewegung bei Kindern und Jugendlichen greifen [14].

Mobbing und Belästigung
Die Vielfalt im Klassenzimmer beschränkt sich nicht auf Herkunft, Hautfarbe oder Religion, sondern auch auf die Vielfalt körperlicher Erscheinungsformen [15]. Das Aussehen des Körpers dient in der heutigen Zeit oftmals bereits bei Kindern, wie in hohem Masse bei Jugendlichen der sozialen Positionierung [16].
41 Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz und Liechtenstein sind von Diskriminierung in irgendeiner Form betroffen – sei es aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder Aussehen. Das Aussehen ist dabei mit 21,4 Prozent der höchste angegebene Wert [17].

Insbesondere angeborene oder durch Krankheiten und Verletzungen erworbene äusserlich sichtbare Veränderungen – wie beispielsweise bei Hauterkrankungen oder Schädigungen des Bewegungssystems – können Mobbing hervorrufen und als stigmatisierend erlebt werden (vgl. Kapitel 6.2), die Anpassung an die körperliche Veränderung in der Pubertät erschweren und die Lebensqualität stark beeinträchtigen [18]. Kinder sollen lernen sich mit der Unterschiedlichkeit von Körpern auseinanderzusetzen. Die Anerkennung, der Respekt und die Akzeptanz unterschiedlicher und vielfältiger Körper sind mit Basis der Wertschätzung des eigenen Körpers und deren anderer Menschen [19]. Die Wertschätzung dieser Verschiedenheit kann die Basis dafür bilden, sich mit dem Anders- und Verschiedensein auseinanderzusetzen.

Es gilt daher, genormte Körperbilder, wie sie heute über die Medien transportiert werden, aufzubrechen und die Körpervielfalt positiv zu thematisieren. Wenn ein Kind wegen seiner körperlichen Erscheinung ausgegrenzt wird, muss das Thema aufgegriffen und die Problematik des Ausgrenzens in der Klasse thematisiert werden. Ängste und negative Gefühle im Zusammenhang mit dem Anderssein und der Normalität von Unterschiedlichkeit sollen aus- und angesprochen, dazu eine dialogische Auseinandersetzung und damit einen urteilsfreien Austausch ermöglicht werden [20] (vgl. hierzu auch das MindMatters-Unterrichtsmodul «Mobbing? Nicht in unserer Schule!» und Kapitel 8 «Mobbing»).

Verbundenheit und Resilienz
Als entscheidende Ressource für ein positives Körperbild – und mit ihm die Stärkung der Lebenskompetenzen und der Resilienz – gilt die soziale Unterstützung, also die Akzeptanz in den Peergroups und der Familie sowie gute soziale Beziehungen insgesamt [21]. Auch eine kritische Auseinandersetzung mit Web-Realitäten und ein gesundes Selbstwertgefühl sind essenziell zur Förderung eines positiven Körperbildes [22]. Für eine erfolgreiche Auseinandersetzung mit dem Thema Soziale Medien und Web-Realitäten ist es von Bedeutung, den Schülerinnen und Schülern sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte der Medien aufzuzeigen.

Schulen können Rahmenbedingungen schaffen, die den Schülerinnen und Schülern helfen, ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln, die körperlichen Veränderungen in der Pubertät gut zu verarbeiten, und sie vor Diskriminierung zu schützen. Dabei sollte allerdings nicht das Motiv eines schlanken, definierten und/oder muskulös genormten Körpers handlungsleitend sein, sondern die Toleranz und Akzeptanz gegenüber Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Körpern bezüglich ihrer Erscheinung und Formen. Eine Schulkultur, die Wert auf ein harmonisches Miteinander legt, von einem positiven Gesprächsklima geprägt ist, Fehler und Schwächen akzeptieren kann und Schüler:innen nicht unnötig unter Leistungsdruck setzt, ist dabei die Basis für jegliche präventive Bemühungen [23] (vgl. auch Kapitel 3).

Praktische Empfehlungen zur Stärkung des positiven Körperbildes [24]:

  • Anerkennung der Diversität
  • Sorgsamer Umgang mit dem eigenen Körper
  • Stärkung der Medienkompetenz
  • Stärkung der Lebenskompetenzen (Selbstwahrnehmung/Achtsamkeit, Emotionsregulation, Problemlösefähigkeit/Stressbewältigung, kritisches Denken)
  • Soziale Unterstützung

In Zusammenarbeit mit Gesundheitsförderung Schweiz trägt die Fachstelle PEP – Prävention, Essstörungen, Praxisnah dazu bei, dass Kinder und Jugendliche ein positives Körperbild (Healthy Body Image) möglichst unabhängig von äusseren Einflüssen entwickeln können. Weitere Informationen unter www.pepinfo.ch.

1    Gesundheitsförderung Schweiz (o.J.)
2    Buddeberg-Fischer. & Klaghofer (2002)
3    Schär & Weber (2015)
4    Kanton St. Gallen (2020)
5    Schuch (2019)
6    Delgrande Jordan et al. (2020)
7    Gesundheitsförderung Schweiz (2017)
8    Schär & Weber (2015)
9    Piran & Teall (2015)
10   Posch (2009)
11   Schulte-Abel et al. (2013)
12   Schär & Weber (2015)
13   Gesundheitsförderung Schweiz (2016)
14   Schulte-Abel et al. (2013)
15   ebd.
16   Rychen (2020)
17   Brüschweiler et al. (2021)
18   Alexandra Martin & Jenniver Salvadin, 2015
19   Schulte-Abel et al. (2013)
20   Kanton St. Gallen (2020)
21   Gesundheitsförderung Schweiz (2017)
22   Jugend und Medien (o.J.)
23   Schuch (2019).
24   Gesundheitsförderung Schweiz (2017)