Download

Herzsprung - Freundschaft, Liebe und Sexualität ohne Gewalt




Modul 1: Wie wir uns Beziehungen vorstellen

Download

1.4 Geschlechterklischees und Erwartungen

Dauer: 30’
Gruppenzusammensetzung: Gemischt

Material:

Schritt 1

  • Variante A: Werbefilme in Internet, Beamer
  • Variante B: Tablets oder Handys

Schritt 2

  • Variante A: Post-its in zwei verschiedenen Farben (pro Gruppe je 5 Post-its/Farbe), 3 Flipchart
  • Variante B: Arbeitsblatt 3 (A3-Plakate), Karten mit Begriffen, Leimstifte

Vorbereitung:

Schritt 1

  • Variante A: Filme im Internet prüfen
  • Variante B: Schulinterne Tablets mit Internet-Anschluss oder Handys der Jugendlichen

Schritt 2

  • Variante A: Post-its in zwei Farben, 1 Flipchart «Klischees zu Männern/Jungen», 1 Flipchart «Klischees zu Frauen/Mädchen», 1 Flipchart «Klischees in Beziehungen»
  • Variante B: Arbeitsblatt 3 auf A3 ausdrucken, Karten mit Begriffen auf A3 ausdrucken und Karten ausschneiden

Geschlechterklischees... was ist das?

Das Wort Klischee wird häufig synonym zu Vorurteil und Stereotyp verwendet. Vorurteile drücken eine generelle Haltung aus, Stereotype/Klischees eine kognitive Zuordnung. Im Lehrmittel Herzsprung wird vorwiegend das Wort Klischee verwendet, um für die Jugendlichen die Komplexität von Begrifflichkeiten zu reduzieren.

In der Auseinandersetzung mit den Geschlechterklischees ist es dringend notwendig, aufzuzeigen, wo diese klischierten Zuordnungen zum Problem werden können, also abwertend/diskriminierend sind. Auch soll hier verdeutlicht werden, dass diese Rollenbilder (bewusst oder unbewusst) bestehen, jedoch nicht auf alle Personen eines Geschlechts zutreffen. Eine Dekonstruktion von Geschlechterklischees soll mit dieser Übung ermöglicht werden.

In der nächsten Übung sprechen wir über Vorstellungen und Bilder, die wir von Menschen haben und die wir auch als «Klischees» bezeichnen.

Kann jemand das Wort «Klischee» erklären und dazu ein Beispiel machen?

Erklärt den Jugendlichen den Begriff (Klischee) und erläutert, dass es in der nächsten Übung um die Auseinandersetzung mit Geschlechterklischees geht.

Klischees sind Vorstellungen, Bilder oder Annahmen über Personen oder ganze Gruppen, die oft ohne nachzudenken übernommen werden. Oft sind Klischees negativ, wobei es auch positive gibt, zum Beispiel «die Schweizer:innen sind pünktlich». Wird über eine ganze Personengruppe geurteilt, ohne zu überprüfen, ob das Urteil stimmt, dann spricht man von einem Vorurteil. Vorurteile können zu Benachteiligungen bis hin zu Diskriminierungen führen.

Wenn wir von Geschlechterklischees sprechen, meinen wir damit, was wir in Bezug auf Männer/Frauen/Mädchen/Jungen als typisch männlich oder typisch weiblich empfinden. Manchmal wird auch das Wort «Geschlechterstereotype» verwendet, was mehr oder weniger dasselbe wie Geschlechterklischees meint. Auch in Bezug auf das Geschlecht gibt es also vorgefertigte Meinungen oder Bilder, die uns im Alltag einengen können oder abwertend/diskriminierend sind.

Kann jemand ein Beispiel nennen für ein Geschlechterklischee?

Nach Bedarf: Zeigt eines der Erklärvideos zu Klischees resp. Stereotypen:

Erklärt beim ersten Video «Stereotype einfach erklärt», dass im Programm Herzsprung Klischee als Synonym zu Stereotyp verwendet wird.

Schliesslich macht die Jugendliche darauf aufmerksam, dass es Menschen gibt, die weder als Mann noch als Frau identifizieren.

 

Übung «Geschlechterklischees»

Schritt 1

Anhand von Werbefilmen oder von Instagram-Posts setzen sich die Jugendlichen mit Geschlechterklischees auseinander und diskutieren diese anhand von Reflexionsfragen.

Variante A: Auseinandersetzung anhand von Werbefilmen

Wir betrachten nun gemeinsam Werbefilme, in denen klischiertes Verhalten von Männern/Jungen und Frauen/Mädchen gezeigt wird. Danach wollen wir über diese Klischees und das Rollenverhalten, aber auch über den Einfluss von solchen Filmen sprechen. Geschlechterklischees können bewusst oder unbewusst beeinflussen, wie wir uns Liebesbeziehungen vorstellen. Das kann dazu führen, dass wir von den Menschen, mit denen wir zusammen sind, ein gewisses Benehmen oder Verhalten erwarten.

Zeigt einen Film aus der folgenden Linkliste. Möchtet ihr Filme zeigen, in denen nur die Frauen- resp. Männerrollen abgebildet werden, so zeigt beide Beispiele, damit die Jugendlichen von beiden Geschlechtern Beispiele zu sehen bekommen. Sucht im Internet als Alternative passende/aktuelle (Werbe-)Filme.

Folgende Fragen können in der anschliessenden Diskussion mit den Jugendlichen hilfreich sein

Welche Geschlechterklischees habt ihr entdeckt?

Entsprechen diese Zuschreibungen/Bilder der Realität?

Seid ihr mit einigen einverstanden? Mit welchen nicht? Warum?

Variante B: Auseinandersetzung anhand eigener Recherche

Geschlechterklischees beeinflussen bewusst oder unbewusst, wie wir uns Liebesbeziehungen vorstellen. Das kann dazu führen, dass wir von den Menschen, mit denen wir zusammen sind, ein gewisses Benehmen oder Verhalten erwarten.

Ihr könnt nun auf dem Tablet / auf euren Handys im Internet recherchieren, ob ihr Musikvideos, Werbeclips oder Instagram-Posts etc. findet, in denen klischiertes Verhalten von Männern/Jungen und Frauen/Mädchen gezeigt wird. Danach wollen wir über diese Klischees und das Rollenverhalten, aber auch über den Einfluss von solchen Clips, Posts etc. sprechen.

Verteilt die schulinternen Tablets oder lasst die Jugendlichen ihre Handys für die Übung nutzen. (Hinweis: Der Umgang mit den Tablets und Handys ist mit der Klassenlehrperson vorher anzusprechen.) Folgende Fragen können in der anschliessenden Diskussion mit den Jugendlichen hilfreich sein:

Welche Geschlechterklischees habt ihr entdeckt?

Entsprechen diese Zuschreibungen/Bilder der Realität?

Seid ihr mit einigen einverstanden? Mit welchen nicht? Warum?

Schritt 2

Variante A: Eigene Geschlechterklischees sammeln

Teilt die Klasse nun in Gruppen von 4 bis 5 Jugendlichen auf.

Verteilt die Post-its (pro Gruppe 10 Post-its: 2 Farben à je 5 Post-its). Die Jugendlichen sollen nun auf den Post-its der einen Farbe Klischees zu Frauen/Mädchen und auf den Post-its der anderen Farbe Klischees zu Männern/Jungen sammeln.

Ihr habt nun bereits ein paar Geschlechterklischees gesammelt. Wahrscheinlich kennt ihr auch noch ganz andere Erwartungen, Bilder oder Vorstellungen, die an die Geschlechter gestellt werden, z.B. «eine Frau kann gut auf die Kinder achten» oder «Männer können gut Auto fahren».

Ihr schreibt nun auf die grünen Post-its die Klischees auf, die ihr für typisch weiblich hält, und auf die gelben Post-its die Klischees, die ihr typisch männlich findet. Diskutiert es in der Gruppe und schreibt die Klischees stichwortartig auf die Post-its und bringt sie am Schluss mit ins Plenum. 

Zurück im Plenum werden die Post-its von den Gruppen auf das entsprechende Flipchart «Frauen/Mädchen» bzw. «Männer/Jungs» geklebt.

Nun lasst die Jugendlichen die anderen Post-its lesen und steigt in eine Diskussion ein, indem ihr folgende Fragen stellt:

Wo wart ihr euch in der Gruppe einig? Wo nicht? Warum?

Wenn ihr die beiden Plakate miteinander vergleicht: Was fällt euch auf?

Entsprechen diese Zuschreibungen/Bilder der Realität?

Wo seid ihr mit der Zuteilung nicht einverstanden und warum?

Was denkt ihr, wie es Menschen geht, die sich nicht in diese zwei Kategorien «Mädchen/Frau» oder «Junge/Mann» einteilen lassen?

Wichtig:
Welche dieser Klischees sind abwertend oder diskriminierend?

Klischees, die sowohl auf dem Plakat «Männer/Jungen» als auch auf dem Plakat «Frauen/Mädchen» angebracht wurden, können in die Mitte der beiden Plakate verschoben werden, um sichtbar zu machen, dass diese als geschlechterneutral gelten. 

Wichtig: Umrahmt diejenigen Klischees, die abwertend oder gar diskriminierend sind, mit einem roten Stift oder klebt die entsprechenden Post-its auf ein weiteres Flipchart mit dem Titel «Abwertende/diskriminierende Geschlechterklischees».

Variante B: Geschlechterklischees diskutieren

Teilt die Klasse in vier Gruppen auf.
Verteilt Arbeitsblatt 3 und die ausgeschnittenen Karten.

Hinweis: In den Materialien für die Umsetzung mit Jugendlichen mit kognitiven Beeinträchtigungen ist dieses Arbeitsblatt mit weniger Begriffen verfügbar-

Nun haben die Jugendlichen die Aufgabe, die Klischees auf dem Arbeitsblatt den Kategorien «Mädchen/Frauen», «Jungen/Männer» oder «Alle Geschlechter» zuzuordnen.

Auf die leeren Karten können die Gruppen weitere Klischees aufschreiben.

Die Karten werden anschliessend auf das Blatt geklebt.

Jede Gruppe hat ein Arbeitsblatt und ein Set von Karten mit Klischees erhalten. Diskutiert in der Gruppe, welches Klischees in welche Kategorie passt, also «Mädchen/Frauen», «Jungs/Männer» oder «Alle Geschlechter» und klebt sie auf das Arbeitsblatt auf. Wenn ihr noch weitere Klischees kennt, die nicht auf den Karten stehen, könnt ihr sie auf die leeren Karten schreiben und ebenfalls aufkleben.

Zurück im Plenum werden die Arbeitsblätter von den Gruppen nebeneinander aufgehängt.

Nun lasst die Jugendlichen die anderen Gruppenarbeiten lesen und steigt in eine Diskussion ein, indem ihr folgende Fragen stellt.

Wo wart ihr euch in der Gruppe einig? Wo nicht? Warum?

Wenn ihr die Klischees der verschiedenen Kategorien miteinander vergleicht: Was fällt euch auf?

Entsprechen diese Zuschreibungen/Bilder der Realität?

Wo seid ihr mit der Zuteilung nicht einverstanden und warum?

Was denkt ihr, wie es Menschen geht, die sich nicht in die zwei Kategorien «Mädchen/Frau» oder «Junge/Mann» einteilen lassen?

Wichtig:
Welche dieser Klischees sind abwertend oder diskriminierend?

Umrahmt diejenigen Klischees, die abwertend oder gar diskriminierend sind, mit einem roten Stift.

 

Abschluss Schritt 2 für Varianten A und B

Schliesst die Übung mit folgenden Worten ab:

Wie bereits erwähnt, sind Klischees Verallgemeinerungen, Vorstellungen und Überzeugungen, wie gewisse Menschen oder Gruppen sind oder sein sollten. Es gibt Vorstellungen über Menschen mit verschiedenen sexuellen Orientierungen, über Menschen aus verschiedenen Kulturen und Ländern, über junge und alte Menschen … Es sind Bilder, die wir im Kopf haben, die aber nicht immer der Realität entsprechen.

Oft ist der erste Gedanke über eine Person nicht unbedingt richtig. Wenn zum Beispiel jemand bei «Mann» den Begriff «stark» zuordnet, dann wissen wir ja genau, dass nicht alle Männer stark sind. Und dass es viele Frauen gibt, die stärker als Männer sind. Trotzdem werden Männer in unserer Gesellschaft häufig als «stark» dargestellt – und dann erwarten wir auch, dass sie es sind.

Ihr habt auch Klischees entdeckt, die für beide Geschlechter gelten.

Manchmal können Geschlechterklischees sehr einengend, abwertend oder diskriminierend sein, sodass sie die betroffenen Personen verletzen und diese sich darum nicht mehr trauen, sich so zu zeigen, wie sie sind. Auch in Liebesbeziehungen können Geschlechterklischees zu Konflikten führen, wenn eine Person ein Verhalten von der anderen nur aufgrund des Geschlechts erwartet.

Was denkt ihr, warum haben Menschen klischierte Bilder verinnerlicht?

  • Weil es einfacher ist;
  • weil man Angst hat vor dem, was man nicht kennt oder versteht;
  • weil es bei uns, in meiner Kultur so gemacht wird;
  • weil es so in der Bibel / im Koran etc. steht;
  • weil meine Eltern mir das so weitergegeben haben;
  • weil es alle anderen auch sagen.

Was meint ihr: Können solche Klischees verletzen/stressen? Warum?

Mögliche Antworten:

  • Klischees lassen uns an Dinge glauben, die nicht wahr sind.
  • Sie können entwertend sein, ungerecht.
  • Sie können dazu führen, dass wir Menschen, die anders sind als wir, ausschliessen.
  • Sie hindern uns daran, Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Schritt 3: Wenn klischierte Erwartungen in Beziehungen zu Konflikten führen

Es ist normal, gewisse Dinge zu erwarten oder gewisse Bilder und Vorstellungen im Kopf zu haben – von uns selbst, von anderen, von Jungen und Mädchen oder von Personen, mit denen wir ausgehen oder zusammen sind.

Doch manchmal erwarten wir auch Unmögliches. Beispielsweise der Vater, der von seinem Sohn erwartet, der beste Fussballspieler der Schule zu sein. Oder ein Junge, der möchte, dass sein Freund jeden Abend zu Hause ist. Oder ein Mädchen, das erwartet, dass ihre Freundin wie ein Fotomodell aussieht.

Unmögliche Erwartungen können Stress oder Probleme verursachen. Denkt einen Augenblick darüber nach, wann das letzte Mal etwas Unmögliches von euch erwartet wurde. Erinnert euch, wie ihr euch dabei gefühlt habt!

Lasst den Jugendlichen eine Minute Zeit zum Nachdenken.

Möchte jemand ein Beispiel erzählen?

Viele Erwartungen an uns entstehen aus Vorstellungen und aus klischierten Rollenbildern, die vorgeben, wie wir uns in Beziehungen verhalten müssen. Aber auch, wie eine Liebesbeziehung aussehen muss.  

Wir alle haben also auch Vorstellungen darüber, wie Liebesbeziehungen sein sollten. Zum Beispiel, dass eine Beziehung romantisch sein sollte oder man sich vertrauen soll. Diese inneren Bilder und Vorstellungen haben Auswirkungen darauf, wie wir die Menschen behandeln, mit denen wir zusammen sind und die wir lieben. Daher ist es wichtig, diese Vorstellungen zu erkennen und zu überdenken. Denn sie können manchmal sehr einengend oder diskriminierend sein.

Was denkt ihr, woher kommen diese Vorstellungen, die junge Menschen in eurem Alter über Liebesbeziehungen haben?

Beispiele von Antworten: Internet, YouTube, Serien, Illustrierte, Zeitungen, Games, Facebook, Instagram, TikTok, Snapchat, Filme, Bücher, Werbung, Familie, Religion, andere Jugendliche.

Lasst die Jugendlichen nochmals die Post-its / die Plakate anschauen und startet die Diskussion mit den unten stehenden Fragestellungen.

Welche dieser Klischees können in einer Beziehung zu Konflikten, Enttäuschungen, Frust oder Streit führen?
Warum?

Mögliche Antworten:

  • Klischees lassen uns an Dinge glauben, die nicht wahr sind.
  • Sie können entwertend sein, ungerecht.
  • Sie können einengen und uns schlecht fühlen lassen.
  • Sie können dazu führen, dass wir nicht mehr glücklich sind.
  • Sie hindern uns daran, Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind.